Interview mit Oliver Bierhoff:
Wir wollen uns mit den Besten messen

Der für die Nationalmannschaft zuständige DFB-Direktor im Interview

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Er hat uns mit seinem Golden Goal 1996 den letzten EM-Titel beschert. Jetzt erklärt uns Oliver Bierhoff, wieso es für jeden Fußballer das Größte ist, bei einem großen Turnier für sein Land spielen zu dürfen, weshalb das Team hinter dem Team so wichtig ist und warum die deutsche Elf dieses Mal extra motiviert auflaufen wird.

  • Nach einem Jahr Warten startet nun endlich die langersehnte Europameisterschaft. Mit 24 Mannschaften hat sie beinahe die Dimension einer Weltmeisterschaft. Macht es das schwerer oder leichter?

    Eine Europameisterschaft zu spielen, war schon immer sehr anspruchsvoll. Das Niveau ist traditionell sehr hoch, gerade in der Vorrunde manchmal schwerer als bei einer Weltmeisterschaft. Auch in diesem Jahr sind wieder viele sehr gute Mannschaften dabei – unter anderem zwei, auf die wir direkt in der Vorrunde treffen. Auf Weltmeister Frankreich und Europameister Portugal. Das sagt doch schon alles.

    Die Nominierungsphase für den endgültigen Kader ist sicherlich immer eine Herausforderung. Hat man die Mannschaft da schon im Kopf oder ist es oft knapper als man denkt?

    Die Mannschaft ist noch mitten im Umbruch, wir haben eine Mischung aus erfahrenen und weniger erfahrenen Spieler. Im Blick hat man aber immer einen gewissen Kreis an Spielern, auf die man fest baut. Die Entscheidungen, wer spielt und im Kader ist, sind meistens sehr knapp und kurzfristiger Natur.

    Wer mit darf und wer nicht: Ist das eine Entscheidung, die der Trainer alleine trifft? Oder haben Sie als DFB-Direktor Nationalmannschaften & Akademie auch Einfluss auf die Entscheidung?

    Es besteht seit Jahren ein großes Vertrauensverhältnis im gesamten Team der Sportlichen Leitung, in dem wir offen diskutieren und jeder seine Meinung einbringt, auch ich. Jogi Löw ist ein Trainer, der den Menschen in seinem Umfeld zuhört und ihr ehrliches Feedback sehr schätzt. Am Ende aber trifft er mit seinen Trainern die Entscheidungen. Das gehört zur Aufgabe und zur Verantwortung des Bundestrainers.


    • Oliver Bierhoff in 15 Sekunden


      Links- oder Rechtsfuß?
      Rechtsfuß

      Taktik- oder Ausdauertraining?
      Taktik

      Heimspiel oder Weltreise?
      Weltreise

      Verlängerung oder Elfmeterschießen?
      Verlängerung

      Trikot: rein oder raus?
      Rein

      VIP-Lounge oder Stehplatz?
      VIP-Lounge

      Kopfball oder Kopfrechnen?
      Kopfrechnen

      Langer Ball oder Kurzpassspiel?
      Kurze Pässe

      Hymne mitsingen oder nicht?
      Mitsingen

      Wein oder Bier?
      Bier


  • Mehr Magenta: Oliver Bierhoff als Mannschaftsboss
  • 1996 wurden Sie mit 27 Jahren vergleichsweise spät zum Nationalspieler berufen. Hatten Sie da den Traum schon aufgegeben?

    Das zeigt: An seinen Träumen sollte man immer festhalten (lacht). Sicherlich durfte ich mit dem Ergebnis nicht rechnen und hatte auf dem Weg dorthin auch Zweifel, ob ich meine Ziele tatsächlich erreichen würde. Aber ich habe immer hart für den Erfolg gearbeitet und nie aufgegeben, er wurde mir nicht geschenkt.

    Der anschließende EM-Sieg ist natürlich ganz stark mit Ihrem Golden Goal verbunden. Ist das vielleicht der größte Moment Ihrer Spielerkarriere gewesen?

    Das war mit Abstand der größte Moment meiner Karriere als Spieler. Den Siegtreffer im EM-Finale zu erzielen und noch dazu im legendären Wembley-Stadion, das ist ein fantastisches Gefühl.

    Wie häufig werden Sie heute noch auf das Tor angesprochen?

    Regelmäßig alle Jahre! Nicht nur in Deutschland, sondern gerade auch im Ausland. Dieses Golden Goal scheint auch 25 Jahre später unvergessen.

    Als DFB-Funktionär haben Sie sowohl Höhen wie den WM-Titel 2014 als auch Tiefen erlebt. Wie motiviert man sich und die Mannschaft nach Niederlagen wie dem Vorrunden-Aus 2018?

    Solch ein herber Rückschlag ist zugleich Motivation, es wieder besser zu machen. Nach einer kurzen Phase der Enttäuschung ist man sofort wieder motiviert, sich selbst und allen anderen zu beweisen, dass man es besser kann. Man muss sich immer ambitionierte Ziele setzen.

  • Es gibt also den Ehrgeiz im Team, nach der WM 2018 ein Zeichen setzen zu wollen?

    Natürlich haben wir den Anspruch an uns selbst, deutlich besser aufzutreten und abzuschneiden als bei der Weltmeisterschaft 2018. Das muss das Ziel einer deutschen Nationalmannschaft sein – unabhängig davon, wie die letzte Weltmeisterschaft verlaufen ist. Unseren jüngsten Eindruck bei einem Turnier zu revidieren, ist eine zusätzliche Motivation für uns alle.

    Ab dem 11. Juni rollt dann endlich der Ball. Wie froh ist die Mannschaft, dass es nun mit sozusagen einem Jahr Verspätung doch noch losgeht? Kann man schon etwas zur Stimmung im Team sagen?

    Bei einem großen Turnier für sein Land spielen zu dürfen, ist für jeden Fußballer das Größte. Unsere Spieler freuen sich auf die EURO, auch wenn sie wegen der anhaltenden Corona-Pandemie leider nicht das unbeschwerte Fußballfest werden kann, das wir uns alle gewünscht haben. Alle nehmen sich viel vor.

    Die UEFA EURO 2020 wird eine in mehrfacher Hinsicht besondere Europameisterschaft – teilweise auch wieder mit Publikum. Können wir also richtige Stadionatmosphäre und EM-Feeling erleben?

    Auch wenn teilweise wieder Publikum zugelassen ist, wird die Stadionatmosphäre eine andere sein. Aber wir wären schon sehr dankbar, wenn es gelänge, dass wir zumindest vor einem Teil unserer Fans spielen dürften. Das wäre auch ein wichtiges Signal in einer schweren Zeit, in der immer noch die Gesundheit aller Beteiligten im Mittelpunkt steht.

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  • Sie selbst haben während Ihrer Karriere bei namenhaften Vereinen in Italien, Frankreich oder Österreich gespielt? Wie ist die Euphorie in diesen Ländern vor einem großen Turnier?

    Auch dort fiebern die Fans den Turnieren entgegen, gerade in Italien, wo ich die längste Zeit gespielt habe, vielleicht noch etwas leidenschaftlicher. Das sind alles Fußball-Länder.

    Dass die Austragungsorte über den ganzen Kontinent verteilt sind, symbolisiert die europäische Idee ganz hervorragend. Ein Modell für die Zukunft oder eher die Ausnahme?

    Ich finde die Idee als überzeugter Europäer interessant. Dieses Modell gibt Ländern die Chance, EM-Spiele auszurichten, die es alleine wohl niemals geschafft hätten. Aber es bringt gleichzeitig auch große Herausforderungen mit sich, zum Beispiel logistische. Dass ausgerechnet vor dieser EURO noch eine globale Pandemie ausgebrochen ist, die mittlerweile Dublin und Bilbao die geplanten Spiele wieder gekostet hat, konnte natürlich niemand absehen. Ich glaube, es wird eine einmalige Sache bleiben.

    Die deutsche Nationalmannschaft wird ihre drei Gruppenspiele alle in der Fußball-Arena in München bestreiten. Wie wichtig wird dieser Heimvorteil?

    Wir haben zum Einstieg direkt zwei sehr schwere Spiele vor uns, gegen den amtierenden Weltmeister und den amtierenden Europameister, da ist es ein gutes Gefühl, diese auf heimischem Boden austragen zu können. Für einen echten Heimvorteil aber fehlen die vollbesetzten Ränge mit unseren Fans im Stadion. München ist aber ein gutes Pflaster für uns: Beim letzten Heimturnier, der WM 2006, haben wir hier beim Eröffnungsspiel gegen Costa Rica und beim Achtelfinale gegen Schweden zwei begeisternde Siege erlebt.

Welchen Einfluss hat das Team hinter der Mannschaft? Also Betreuer, Physios, Köche?

Das Team hinter dem Team ist natürlich auch ein wichtiger Faktor. Wir versuchen ein möglichst professionelles Umfeld zu schaffen, damit die Spieler sich voll auf ihre Aufgabe konzentrieren können: den sportlichen Erfolg. Und damit sie sich wohlfühlen bei der Nationalmannschaft. Denn auch das kann am Ende zu einem guten Abschneiden beitragen.

Ein Wort zu den Gegnern in Gruppe F? Mit Portugal, Ungarn und Frankreich ein schweres, aber auch schönes Los?

Im ersten Moment der Auslosung stöhnt man erst einmal und denkt: hätte es nicht auch eine Nummer leichter kommen können? Aber dann freut man sich ungemein auf diese Aufgaben und Herausforderungen: denn für genau solche Spiele gegen die großen Nationen und die Top-Stars lieben wir doch den Fußball. Unsere Spieler wollen sich mit den Besten messen. Aber ich hätte auch nichts dagegen gehabt, erst im Finale auf Frankreich oder Portugal zu treffen (lacht).

Werden Sie sich die Spiele unserer direkten Kontrahenten live in Budapest ansehen? Oder wird die Mannschaft gemeinsam vor dem Fernseher sitzen?

Wegen der anhaltenden Pandemie werden wir nicht vor Ort dabei sein können, sondern die Reisetätigkeit so gering wie möglich halten. Aber selbstverständlich werden wir die Spiele unserer Gruppengegner genau verfolgen und analysieren und wenn es die Umstände zulassen, auch gemeinsam am TV verfolgen.

Große Public Viewings wird es ja aller Wahrscheinlichkeit nach zumindest in Deutschland nicht geben. Aber wenn jeder Fan in seinem Wagen bleibt, könnte es rekordverdächtige Autokorsos geben? Wie können Fans in dieser Zeit ihre Mannschaft unterstützen?

Ich habe während der Pandemie Public Viewings im Autokino gesehen. Auch das hatte etwas für sich, sollte aber natürlich kein Dauerzustand sein. Wir haben seit Ausbruch der Pandemie auch auf digitalem Weg viel Unterstützung erfahren. Die guten Wünsche und der Rückhalt unserer Fans erreichen die Mannschaft also auf jeden Fall – egal auf welchem Weg.

Sie sind ganz nah dabei. Was ist drin für deutsche Mannschaft bei dieser EM? Was ist das Ziel? Der Titel wäre natürlich ein gebührendes Abschiedsgeschenk für Jogi Löw.

Unsere Mannschaft hat großes Potenzial, auch wenn die Ergebnisse zuletzt noch nicht so konstant waren, wie wir uns das gewünscht hätten. Aber die Mannschaft ist immer noch im Umbruch, da passieren solche Spiele. Sie ist gleichzeitig unheimlich motiviert, noch einmal alles für unseren Bundestrainer zu geben.

Klar ist, dass die Ära Löw nach 16 Jahren endet. Kein Trainer war länger im Amt, kein Trainer hat mehr Spiele und Siege. Wie groß werden die Fußstapfen für den Nachfolger sein?

Die Fußstapfen sind schon groß, keine Frage. Joachim Löw war unheimlich erfolgreich über eine sehr lange Zeit, der deutsche Fußball hat ihm viel zu verdanken. Aber die Fußstapfen, in die ein neuer Bundestrainer tritt, waren auch in der Vergangenheit schon groß. Wir werden einen Bundestrainer finden, dem wir vollends zutrauen, dieses Erbe antreten und Joachim Löws erfolgreiche Arbeit fortführen zu können – in seinem eigenen Stil.*

Welche Eigenschaften und Qualitäten muss der Nachfolger mitbringen?

Er muss nicht nur ein ausgewiesener Fußball-Fachmann sein, sondern auch menschliche Qualitäten mitbringen, darauf legen wir beim DFB großen Wert. Er muss junge Spieler anleiten, motivieren und weiterentwickeln können.*

Viel Zeit ist jedenfalls nicht. Schon im nächsten Jahr findet die Weltmeisterschaft in Katar statt. Noch ein abschließendes Wort dazu?

Das DFB-Präsidium hat seine klare Position zur WM 2022 unlängst verabschiedet. Die Vergabe der WM an Katar kann in vielerlei Hinsicht als problematisch gesehen werden, vor allem mit Blick auf Menschenrechte und Nachhaltigkeit. Sportler und Fans hätten sich sicher eine andere Entscheidung vorstellen können. Aber wir sind auch der Überzeugung, dass der Sport Brücken bauen und Motor für eine dringend nötige Entwicklung sein kann.


Herr Bierhoff, wir danken für das spannende Gespräch und wünschen viel Glück und Erfolg!


* Das Interview wurde vor Bekanntgabe des neuen Bundestrainers Hansi Flick geführt.

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