U 21-Nationaltrainer Stefan Kuntz
im Interview

Kumpeltyp mit Ansprüchen

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©DFB/getty images

Deutscher Meister, DFB-Pokalsieger, Europameister, Torschützenkönig, Fußballer des Jahres – Stefan Kuntz hat in seiner Karriere Erfolge gesammelt wie andere Briefmarken und ist dennoch auf dem Boden geblieben. Im Interview erzählt er von seiner Karriere, von Nachwuchsproblemen und der Entstehung der Kuntz-Säge.


Herr Kuntz, beim 1. FC Kaiserslautern nennt man Sie in einem Atemzug mit Fritz Walter. Hätten Sie sich das einmal erträumt?

Nein, natürlich nicht. Wobei ich mich auch heute noch nicht mit Fritz vergleichen möchte, weil seine Taten und die seiner Kollegen für Deutschland zu der damaligen Zeit einen unglaublichen Wert für das Selbstwertgefühl eines ganzen Landes hatten.

1991 führten Sie die Roten Teufel zum sensationellen Meistertitel. Hand aufs Herz: Für wie groß würden Sie Ihren Anteil erachten?

Genauso groß wie den meiner Kollegen. Jeder hat in einer Mannschaft die Aufgaben, die seinem Talent entsprechen. In dieser Saison haben wir alle unser Potenzial komplett ausgeschöpft, hatten einen unglaublichen Glauben an uns, einen tollen Teamgeist und auch das notwendige Glück unter einem überragenden Trainer Kalli Feldkamp und seinem Team.

Mehr Magenta: Stefan Kuntz lacht

Bei der EM 1996 bestritten Sie fünf von sechs Turnierspielen, erzielten den wichtigen Ausgleich im Halbfinale gegen England und holten schließlich den Titel. Wie oft denken Sie heute noch daran zurück?

Als Mensch hänge ich nicht allzu sehr in der Vergangenheit. Ich lebe im Hier und Jetzt. Meine aktive Karriere ist abgeschlossen, ich bin total dankbar und stolz, dass ich das alles erreichen und so viele Erfahrungen sammeln konnte.

Lange vor dem Klose-Salto und vorbereiteten T-Shirt-Botschaften unter dem Trikot erfanden Sie die sogenannte Kuntz-Säge als Torjubel. Wo nahm dieser Jubel seinen Ursprung?

Während eines Kanada-Urlaubs hat ein Spieler in den Endspielen um den Stanley Cup so gejubelt, und ich habe es übernommen, weil es meinen Emotionen entsprach, die ich nach einem erzielten Tor hatte.

1860 München gegen den 1. FC Kaiserslautern ist mittlerweile ein Klassiker der 3. Liga. Immer noch ungewohnt?

Ja, total, weil man beide Vereine aufgrund ihrer Tradition gerne in der Bundesliga sehen würde.

  • Nach zwölfjähriger Unterbrechung folgte 2016 entgegen Ihrer eigenen Aussage Ihr Comeback als Trainer – und dann gleich als Coach der U 21-Nationalmannschaft. Wie kam es dazu?

    Die Erfahrungen als Vorstandsvorsitzender waren abgeschlossen, verarbeitet und analysiert. Ich wollte daraufhin wieder mehr zurück zu meinen Wurzeln, dem Fußball. Dass Horst Hrubesch gerade zu der Zeit als U 21-Trainer aufgehört hat, war dann eine Fügung des Schicksals. Hansi Flick, damaliger Sportdirektor des DFB, und ich hatten dann in den ersten Gesprächen gleich beide ein gutes Gefühl dabei, dass ich sein Nachfolger werde.

    Sie haben sowohl im Herren- als auch im Juniorenbereich trainiert. Worin liegen die größten Unterschiede?

    Die Lernbereitschaft und auch die Umsetzungsmöglichkeiten von neuem Wissen sind in der Jugend etwas ausgeprägter.

    Haben Sie Jogi Löw schon mal von der Nominierung einer Ihrer Spieler überzeugen können?

    Nein, Jogi hat ein so hohes Fachwissen, dass er genau weiß, wann einer meiner Spieler zu ihm kommen sollte.

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Mehr Magenta: Stefan Kuntz hebt den Daumen

Ihre Erfolge als Trainer der U 21 sind beachtlich: Nach nur zehn Monaten im Amt konnten Sie den Europameistertitel feiern, bei der folgenden EM wurden Sie Zweiter. Haben Sie selbst damit gerechnet?

Der Wille, immer das Bestmögliche erreichen zu wollen, ist in mir sehr ausgeprägt. Ein weiterer Erfolg ist in der U 21 aber die Entwicklung von jungen Spielern, was mir unglaublich Spaß macht.

Welche Chancen rechnen Sie sich für die U 21-EM im nächsten Jahr aus?

Zunächst einmal müssen wir die Endrunde im Juni 2021 erreichen. Das wird definitiv schwerer als die Jahre davor.

Momentan wird häufiger darüber diskutiert, dass der deutsche Fußball wieder ein Nachwuchsproblem und international den Anschluss verloren habe. Sieht es wirklich so düster aus?

Nicht düster, aber wir haben nicht mehr so viele Ausnahmetalente wie noch vor einigen Jahren. Die Jungs haben aktuell weniger Spieleinsätze in den höchsten Ligen, und wir müssen sehen, wie wir das gemeinsam ändern können.

Welche Eigenschaften sollte ein junges Talent mitbringen?

In jungen Jahren ist das Umfeld eines Jungen oder Mädchens entscheidend. Wer hat alles und nimmt alles Einfluss auf den Spieler oder die Spielerin? Wer hat welche Interessen, wie geht man mit Rückschlägen um, wie viel wird den Spielern abgenommen, sodass eine Konfliktarmut entsteht und sich die Persönlichkeit langsamer entwickelt? Hat ein Talent seine Persönlichkeit erkannt, sollte es daran arbeiten, aber grundlegende Dinge wie Ehrgeiz, Widerstandsfähigkeit (wer versucht es auch nach dem zehnten Scheitern nochmals?) und soziale Komponenten sind hilfreich.

    • Stefan Kuntz in 15 Sekunden

      Messi oder Ronaldo?
      Beide zusammen vereinen alles, was es im Fußball braucht

      Schnäuzer oder glattrasiert?
      Glattrasiert

      Coaching Zone oder Strafraum?
      Coaching Zone, Strafraum macht körperlich keinen Sinn mehr (lacht)

      Tischfußball oder Konsole?
      Klar Tischfußball

      Steak oder Salat?
      Salat mit goldenen Nüssen (lacht)

      Schleifer oder Kumpeltyp?
      Kumpeltyp mit Ansprüchen

      Einzelspiel oder Konferenz?
      Konferenz zuerst, zur Analyse das Einzelspiel

  • Wie hat sich der Fußball seit Ihrer Profizeit denn allgemein verändert?

    Die Ausbildung ist wesentlich umfangreicher und besser geworden, die Athletik unglaublich angewachsen, das mediale Interesse wesentlich gestiegen. Die Einflussfaktoren haben sich vermehrt.

    Ihre U 21-Spieler könnten gut und gerne Ihre Söhne sein. In welchen Momenten macht sich der Altersunterschied am deutlichsten bemerkbar?

    Bei der Auswahl der Musik in der Kabine (lacht).

    Sie sind dem Fußball mittlerweile seit exakt 50 Jahren auf und neben dem Platz treu. Ist ein Leben ohne überhaupt noch möglich?

    Nein.


    Vielen Dank für die tollen Einblicke!

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