Interview mit Beethoven

Zum 250. Beethovenjahr haben wir Beethoven gefragt, was er zum technischen Fortschritt meint.

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Er war ein Wunderknabe, Schöngeist – und Wüterich. Er liebte die Musik, die Frauen und war zeitweise dem Selbstmord nahe. Das Leben von Ludwig van Beethoven war ein Leben voller Extreme. Wie würde er wohl zur heutigen Zeit mit all ihren technischen Errungenschaften stehen? Anlässlich seines 250. Geburtstags antwortet Beethoven auf fiktive Fragen.


Herr van Beethoven, noch heute, im 21. Jahrhundert, sind Sie und Ihre Musik allgegenwärtig. Jedes Kind kennt den Auftakt Ihrer 5. Sinfonie; die Ode an die Freude ist die offizielle Hymne der Europäischen Union. Woher nehmen Sie die Inspiration zu Ihren Kompositionen?

Ich kann es gar nicht genau benennen. Die Ideen kommen einfach, ohne dass ich nach ihnen suche. Einige sind wohl der Natur geschuldet, der ich mich äußerst verbunden fühle. Mehrere Werke sind auch von Personen inspiriert, die ich bewundere; von Er­eignissen, die mich prägten. Die Französische Re­volution gehört dazu – das Streben nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Wenn ich dann komponiere, habe ich ein Gemälde im Kopf, nach dem ich arbeite.


Ihre Sinfonie Nummer 10 haben Sie nie vollendet. Derzeit arbeiten Experten für künstliche Intelligenz, Musikologen, Wissenschaftler des Beethoven-Hauses und Mitarbeiter der Telekom daran, aus den vorhandenen Skizzen eine mögliche Version der Sinfonie abzuleiten. Wie stehen Sie dazu?

Die Natur kennt keinen Stillstand. Ich bewundere, was heutzutage möglich ist, und wünsche allen Beteiligten Erfolg bei ihren Bemühungen. Was ich mir erhoffe, ist, dass sie die Musik nicht allein mit ihrem Verstand zu durchdringen suchen. Sie müssen ihr Wesen mit allen Sinnen erfassen. Nur so kann diese Kunst ihre wahre Wirkung entfalten. Dennoch – ich würde mich gerne mit dem Ergebnis messen. Nichts ist unerträglicher, als  sich die eigenen Fehler einzugestehen. Doch ich habe viel aus meinen früheren Werken gelernt und mich immer weiterentwickelt.

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      • Kurzvita

        Geboren 1770 in Bonn als Sohn eines Sängers, wird das Talent des jungen Ludwig schnell erkannt. Im Alter von sieben Jahren tritt er erstmals öffentlich als Pianist auf. 1792 reist er nach Wien und nimmt Kompositions-unterricht bei Franz Joseph Haydn. Beethoven leidet häufig unter verschiedenen Krankheiten, wird schwerhörig und letztlich taub. Dennoch komponiert er im Laufe seines Lebens zahlreiche Sinfonien, Sonaten und Klavierkonzerte. Beethoven gilt als Vollender der Wiener Klassik und als Wegbereiter der Romantik. 1826 stirbt er an einer Leberzirrhose in Wien.


  • Sie waren nicht mal 30 Jahre alt, als Sie die ersten Symptome Ihres Gehörleidens feststellten. Was hat das in Ihnen als Komponist ausgelöst?

    Es war tatsächlich eine furchtbare Erfahrung. Ich konnte hohe Töne nicht mehr hören, Wörter nicht mehr verstehen und litt unter Geräuschen im Ohr, einem Tinnitus. Ich  zog mich aus der Gesellschaft zurück, da es mir zunehmend schwerfiel, mit anderen zu kommunizieren, und ich als Komponist diese Art der Einschränkung ungern öffentlich preisgeben wollte. Manchmal wollte ich nicht mehr leben. Ironischerweise war es die Musik, die mir aus diesem Tief heraushalf.


    Wie das?

    Ich hatte weiterhin den Drang, die Kompositionen in meinem Kopf zu Papier zu bringen. Auch dann noch, als mir Ärzte nicht mehr helfen konnten und sich mein Zu­stand weiter verschlechterte. Das Komponieren hat mich aufgebaut und angetrieben. Die Hoffnung nährte mich, sie nährt ja die halbe Welt, und ich habe sie mein Lebtag zur Nachbarin gehabt; was wäre sonst aus mir geworden?


    Heutzutage gibt es zahlreiche Hilfsmittel für Schwer­hörige und Gehörlose – von Hörgeräten und -prothesen bis hin zur Videotelefonie. Inwieweit hätten diese Dinge Ihr Leben verändert?

    Sie hätten mir viel Leid erspart. Die einzigen Hilfsmittel, die ich damals hatte, waren ein Hörrohr und ein Holzstab, der an meinem Flügel befestigt war. Wenn ich ihn zwischen die Zähne nahm, konnte ich die Vibrationen spüren und die Musik sozusagen erfühlen. Unterhaltungen führte ich später nur noch schriftlich. Ich weiß, meine Mitmenschen hielten mich für ruppig und launisch, was wohl zum Teil auch auf meine Frustration über meinen Gesundheitszustand zurückzuführen war. Meine Hörfähigkeit wiederherzustellen, Kommunikation zu erleichtern, das wäre ein großartiges Geschenk gewesen.

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      • Premiere der 10. Sinfonie

        Seien Sie bei der Uraufführung der „Unvollendeten“ dabei: Unter der Leitung von Generalmusikdirektor Dirk Kaftan spielt das Beethoven Orchester Bonn erstmals die Sinfonie, die mithilfe von künstlicher Intelligenz fertiggestellt wurde.

        28.04. im Forum der Telekom in Bonn


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Musik ist heutzutage schnelllebig. Künstler aus aller Welt veröffentlichen ständig neue Werke unterschiedlichster Stilrichtungen. Dank Streaming-Diensten wie Spotify ist Musik jederzeit und überall verfügbar. Wie bewerten Sie das?

Ich bin Perfektionist. Meine Musik galt nicht dem Moment, sie sollte von Dauer sein. Wie ich sehe, ist mir das gelungen. Um zeitlose Werke zu erschaffen, habe ich sehr lange an jedem Stück gearbeitet und mich nur mit dem Besten zufriedengegeben. Die Schnelllebigkeit heutzutage sehe ich kritisch. Ich weiß, wie hart es ist, als Musiker seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich hatte oft das Glück, finanziell unterstützt zu werden. Denn Musik benötigt aus meiner Sicht volle Hingabe, um ihr gerecht zu werden, und sollte nicht als Beruf verstanden werden, in dem man möglichst schnell möglichst viel liefern muss. Musik ist eine Offenbarung.

Dass die Kompositionen heute für alle verfügbar sind, sagt mir hingegen sehr zu. Ich war nie ein großer Freund des Adels. Daher freue ich mich, dass meine Musik nun alle sozialen Schichten erreicht und umgekehrt auch andere Musiker und Komponisten die Gelegenheit haben, ihre Werke in die ganze Welt hinauszutragen. Die Vielfalt ist überaus beeindruckend.


Bei all den technischen Errungenschaften, die es heutzutage gibt – was fehlt Ihnen in der heutigen Zeit?

Aus meiner Sicht gehören Ruhe und Freiheit zu den höchsten Gütern der Menschheit. Was die Freiheit betrifft, hat sich gegenüber meiner Zeit einiges zum Guten gewendet. Anders steht es um die Ruhe. Ich glaube, die hat in der heutigen Zeit kaum Platz. Die Menschen wirken hektisch und gestresst. Etwas innere Einkehr würde ihnen sicherlich guttun, denn der Mensch besitzt nichts Edleres und Kostbareres als die Zeit.

Vielen Dank und alles Gute zum Geburtstag!


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